Ein Fall aus der Medizinischen Praxis

Dr. Verena Pfaff, Dr. Gabriele du Bois, Helena Böhrer-Rabel
Nur die molekulargenetische Analyse erlaubt eine sichere Diagnose. Für die Familienplanung von zum Beispiel gesunden Geschwistern ist sie von größter Bedeutung.
Ein 38-jähriger Mann und seine Partnerin kommen wegen Kinderwunsch zur genetischen Beratung – bei zwei Geschwistern des Mannes ist eine geistige Behinderung aufgetreten. Der inzwischen 37-jährige Bruder und die 26-jährige Schwester haben eine Sonderschule besucht und arbeiten jetzt in einer Werkstätte für Behinderte, der Bruder als Schreiner, die Schwester als Küchenhilfe. Den gesunden Bruder und seine Frau beschäftigt nun die Frage, ob für eigene Kinder ein genetisches Risiko besteht. In einem vorab geschickten Brief beschreibt der Mann die Familiengeschichte und die Auffälligkeiten der Geschwister so: Defizite der kognitiven Lernfähigkeit, deutlich verzögerte Sprachentwicklung, eingeschränkte Sprachkompetenz mit lediglich der Fähigkeit zur Bildung einfacher Sätze. Im Sozialverhalten seien die Geschwister ausgesprochen zurückhaltend und ausweichend: Beide vermeiden Blickkontakt, teilweise auch zu bekannten Personen, in Stress-Situationen neigen sie zum Beißen in den Handrücken. Als Verdachtsdiagnose schlug der Mann, der selber im Internet recherchiert hatte, ein Fragiles-X Syndrom bzw. Martin-Bell-Syndrom vor. Weitere Fälle von geistiger Behinderung seien in der Familie, auch in der mütterlichen, nicht bekannt. Die molekulargenetische Analyse ergab bei dem behinderten Bruder vergrößerte methylierte Restriktionsfragmente mit 500-700 CGG-Einheiten im FMR1-Gen und bei der behinderten Schwester, neben normalen Restriktionsfragmenten mit 30 (+/- 2) CGG-Einheiten, verlängerte methylierte Restriktionsfragmente mit etwa  800-1500  CGG-Einheiten.  Beide weisen also eine Vollmutation im FMR1-Gen auf. Beim gesunden Bruder konnte ein normales Restriktionsfragment mit 29 (+/- 2) CGG-Einheiten nachgewiesen und somit bei ihm eine Prämutation ausgeschlossen werden. Erleichtert erfuhr das Paar, dass für ihre Kinder also kein erhöhtes Wiederholungsrisiko besteht.

 

Geschwister (Bruder links, Schwester rechts) mit Fragilem-X Syndrom

 

Wann ist an eine FMR1-Gen-Mutation zu denken?

Eine Überweisung zur genetischen Beratung bzw. Diagnostik sind indiziert bei:

  • Jungen und Mädchen mit Entwicklungsverzögerung bzw. mentaler Retardierung
  • unauffälligen Personen, wenn ein fra(X)-Syndrom bzw. eine ungeklärte mentale Retardierung in
    der Verwandtschaft bekannt ist
  • Frauen mit vorzeitiger Ovarialinsuffizienz (POF, vgl. S. 20)
  • Männern (oder Frauen) mit zerebellärer Ataxie, Intentionstremor mit oder ohne Abbau der intellektuellen Leistungsfähigkeit mit höheren Alter (FXTAS, vgl. S. 20)