Klinefelter-Syndrom

Dr. rer. nat. Eva Daumiller
Das Klinefelter-Syndrom bezeichnet die Auswirkungen einer besonderen Chromosomenkonstellation bei Jungen bzw. Männern, die zusätzlich zum normalen Chromosomensatz 46,XY, ein weiteres X- Chromosom in sich tragen. Weil sich eine breite Variabilität in der Ausprägung der Symptome findet, wird das Syndrom oft nicht erkannt.
Vom  Vollbild  der  Klinefelter-Symptomatik betroffene Männer sind überdurchschnittlich groß und wirken  besonders langbeinig und langarmig. Sie haben schmale Schultern und breite Hüften und weisen eine  spärliche Körperbehaarung mit fehlendem oder vermindertem Bartwuchs auf. Sie entwickeln  eine Gynäkomastie und haben eine Hodenatrophie und es kann eine Azoospermie vorliegen. Im höheren Lebensalter können diese Männer eine Skoliose sowie eine Osteoporose entwickeln. Häufig wird auch ein Diabetes mellitus beobachtet. Das Risiko für Brustkrebs ist erhöht (nur einer von 100.000 Männern erkrankt an Brustkrebs, Patienten mit Klinefelter-Syndrom haben eine 15- bis 50- fache Risikoerhöhung  auf etwa 1:2000 bis 1:10000). Die Ausprägung in der Schwere der Symptomatik ist jedoch individuell sehr verschieden. Nur wenige zeigen das klinische Vollbild; meist liegt es in unterschiedlich abgeschwächter Form vor.


Häufigkeit

Einer von etwa 500-600 Männern ist Träger des 47,XXY-Karyotyps. Man nimmt an, dass nur 25 bis 30 % der  Patienten mit Klinefelter-Syndrom diagnostiziert und nur weniger als 10 % vor der Pubertät entdeckt werden.

Karyotyp

Das Syndrom wird nachgewiesen durch ein überzähliges X-Chromosom in der Chromosomenanalyse:  Karyotyp 47,XXY. Normalerweise liegen 46 Chromosomen vor. 22 Autosomen und 2 Geschlechtschromosomen, X-  und Y-Chromosom, wobei durch das SRY-Gen auf dem Y-Chromosom das männliche Geschlecht determiniert wird. 90 % aller Träger des Klinefelter-Syndroms zeigen den Karyotyp  47,XXY;  7 %  der  Patienten weisen Mosaikformen auf wie z. B.  47,XXY/46,XY. Klar abzutrennen vom klassischen Klinefelter-Syndrom sind Karyotyp-Varianten mit weiteren überzähligen X- und  Y-Chromosomen  (z.B. 48,XXXY oder 49,XXXXY, 49,XXXYY). Bei diesen Patienten liegen zusätzlich eine geistige Retardierung und weitere Fehlbildungen vor.



Abb. 1: Karyogramm mit XXY

Erstbeschreibung

Der amerikanische Arzt H.F. Klinefelter veröffentlichte 1942 in Boston einen Aufsatz, in dem er das Syndrom  erstmals beschrieben hatte. 1950 entdeckte M.L. Barr bei Klinefelter-Patienten ein kondensiertes Kernkörperchen in den Zellen, das sogenannte  Barrkörperchen. Dieses Barrkörperchen stellte sich später  als inaktiviertes X-Chromosom heraus. Erst in den späten Fünfziger Jahren wurde von  P.A. Jacobs und J.A.  Strong die genetische Ursache in Form eines zusätzlichen X-Chromosoms durch Analyse von Chromosomenpräparaten aus Knochenmarkszellen entdeckt.



Abb. 2: Barr-Körperchen

Entstehung

Diese numerische Chromosomenaberration entsteht durch Fehlverteilung der Chromosomen während der Keimzellbildung, also der Ei- oder Spermienbildung. In 2/3 der Fälle kommt das überzählige X-Chromosom von der Mutter. Die Häufigkeit der mütterlichen Fehlverteilungen in den meiotischen Teilungen nimmt mit dem Alter der Mutter zu. Für die restlichen Fälle konnte eine väterliche Herkunft nachgewiesen werden.

Entwicklung

Kindesalter
Manchmal sind die Jungen mit Klinefelter-Syndrom etwas entwicklungsverzögert, zeigen eine Sprachschwäche und haben Konzentrations- und Kontaktschwierigkeiten. Diagnostisch hinweisend können  auch extremitätenbetonter Hochwuchs oder Hodenhochstand sein. Intellektuell scheinen sie 5 bis 10 Prozentpunkte unter dem Intelligenzquotienten (eher bezogen auf den sprachlichen IQ) der Geschwister  zu  liegen. nterstützend sollten also bei Bedarf  Sprach- und Bewegungstherapien angeboten werden.
Pubertät
Meist fallen die vom Klinefelter-Syndrom betroffenen Jungen erst in der Pubertät auf, wenn die Ausbildung der sekundären Geschlechtsmerkmale ausbleibt, da in den unterentwickelten Hoden zu wenig Testosteron gebildet wird. Achsel-, Scham-, und Körperbehaarung sind ebenso wie der Bartwuchs stark vermindert.  Bei  Hormonanalysen finden sich niedrige Androgenwerte, sowie hohe Gonadotropinwerte (LH und FSH)  und  hohe Estradiolwerte. Ein Klinefelter-Patient sollte etwa im Alter von 11 Jahren einem Kinderendokrinologen  vorgestellt werden, damit der richtige Zeitpunkt für den Start der Therapie gewählt werden kann.

Therapie

Ab der Pubertät sollte eine Testosteron-Therapie in Form von Pflastern, Depotspritzen oder Gels erwogen werden. Nicht alle Patienten brauchen eine Hormontherapie. In Abhängigkeit der Ausprägung des Testosteronmangels wird die Therapie oft erst im Erwachsenenalter nötig. Es wird individuell, je nach  klinischem  Bild  und  Hormonwerten,  die  jeweilige  Dosis  (auch  unterschiedlich  im  zeitlichen Verlauf) bestimmt. Diese Substitution erfolgt dann meist ein Leben lang.Die  Testosterongabe bewirkt  die  Vermännlichung des  Körperbaus,  die  Bildung  von  Körperbehaarung und des Bartwuchses, das Tieferwerden der Stimme und das Wachstum des Penis. Das sexuelle  Verlangen  wird  dadurch  angeregt.  Die  Wachstumsfugen  schließen  sich,  wodurch  das  Längenwachstum beendet wird. Unter  der  Testosterontherapie  sind  fortlaufende Kontrollen  des  Blutbildes,  der  Leberenzyme,  sowie  die  Kontrolle  auf  Prostatakarzinom  und  auf Brustkrebs erforderlich. Vor der Hormon-Substitution kann eine genetische Untersuchung  des  CAG-Repeat  Polymorphismus im  AR-Gen  durchgeführt  werden.  Hier  wird  der Androgen-Rezeptor-Typ bestimmt. Bei kurzen Repeats (unter 20) ist die Testosteron/Androgenwirkung besser, da auf eine Androgentherapie besser angesprochen  wird.  Bei  längeren  Repeats  ist  die Androgen-Aktivität erniedrigt, sodass die medikamentöse Therapie mit Testosteron nicht gut wirkt (eventuell muss dann die Dosis erhöht werden).

Kinderwunsch

Früher  galten  Männer  mit  Klinefelter-Syndrom als zeugungsunfähig, da sie wenig bis gar keine Spermien produzieren. Nur bei etwa der Hälfte der Patienten finden sich Spermien im Hodenbiopsat. Eine  Hormontherapie  hat  leider  zur  Folge,  dass bei diesen Männern die Gewinnung von Spermien weniger gut gelingt als bei unbehandelten Patienten.  Es  ist  daher  empfehlenswert,  vor  einer  Testosterontherapie Spermien zu asservieren. Zu  Beginn  der  Pubertät  gibt  es  ein  Zeitfenster mit  zunächst  steigenden  Testosteronwerten.  Hier scheint der beste Zeitpunkt zu sein, Spermien im Ejakulat  oder  durch  Hodenbiopsie  zu  gewinnen, um sie für eine spätere Sterilitätsbehandlung ein- zufrieren (Kryokonservierung). Mittlerweile können Klinefelter-Patienten mit den Techniken  der  modernen  Reproduktionsmedizin möglicherweise  Vater  werden.  Hierbei  kommen zwei  Methoden,  die  Intracytoplasmatische  Spermieninjektion  (ICSI)  und  die  Testikuläre  Spermienextraktion  (TESE)  zur  Anwendung.  Nach  einer Hormonbehandlung  der  Frau  werden  die  reifen Eizellen  entnommen.  Die  bei  der  Hodenbiopsie gewonnenen  Spermien  werden  in  vitro  in  die  Eizellen  injiziert.  Die  Erfolgsquote  nimmt  für  Männer über 35 Jahre rapide ab, weswegen eine Fertilisationsbehandlung  besser  in  jüngeren  Jahren erfolgen sollte. Die erzielten Schwangerschaftsraten  unterscheiden  sich  nicht  von  denen  der  Kontrollgruppe.  Mehrheitlich  hatten  die  Kinder  nach dieser  Behandlung  normale  Karyotypen.  Es  gab aber  auch  Söhne,  die  wiederum  ein  Klinefelter- Syndrom zeigten oder Mädchen, die ein Triple-X- Syndrom aufwiesen.

Genetische Beratung

In  einem  persönlichen  Gespräch  werden  genetische  Ursachen,  Vererbungsmuster,  Möglichkeiten der  Diagnostik,  Therapie  und  Prognose  erörtert. Werdende  Eltern,  die  einen  Sohn  mit  Klinefelter- Syndrom erwarten, oder Eltern, bei deren Kindern der Verdacht auf ein Klinefelter-Syndrom geäußert wurde, bzw. Betroffene im Erwachsenenalter können  sich  an  die  Beratungsstellen  des  genetikum wenden.

Selbsthilfegruppe

Es steht auch eine deutsche Selbsthilfegruppe zur Verfügung, zu finden unter www.klinefelter.de. Franz Schorpp, ehemaliger Vorsitzender, setzt sich für einen offenen Umgang mit dem Syndrom ein: „Das Klinefelter-Syndrom ist viel zu wenig bekannt. Ich rate allen Betroffenen ganz offen damit umzugehen und sich an unsere Selbsthilfegruppe zu wenden, denn man kann sich in die Problematik  überhaupt  nicht  rein  denken,  wenn  man  das Klinefelter-Syndrom nicht hat.“ Es finden regelmäßige Treffen der Selbsthilfegruppe statt.
Telefonkontakt: 09462 / 5673