ADHS - Das Aufmerksamkeitsdefizit bei Kindern aus genetischer Sicht

Prof. Dr. Jobst Meyer
Wohl kaum eine psychiatrische Störung entzweit Fachleute und Eltern in einem so hohen Maße wie die Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) bei Kindern. Fragen zur Diagnostik sowie Therapie werden nicht nur in Fachblättern, sondern auch in der Tagespresse immer wieder thematisiert.
Während bei Kinder- und Jugendpsychiatern kaum Zweifel darüber bestehen, dass es sich bei ADHS um eine psychiatrische Störung mit hoher Heritabilität handelt, sind fachfremde Mediziner und Laien oft skeptisch; der Begriff „Modekrankheit“ ist vielfach zu hören und zu lesen. Psychiatrische Genetiker versuchen derzeit, in internationalen Konsortien mittels Chip-basierter genomweiter Assoziationsstudien den Ursachen von ADHS auf die Spur zu kommen.
Eine der ersten Beschreibungen von ADHS geht auf Englands ersten Professor für Medizin im Kindesalter, Sir George Frederick Still (1868 - 1941) zurück, der das Krankheitsbild im Rahmen von drei Vorlesungen am  „Royal College of Physicians“ im Jahr 1902 vorstellte und es im gleichen Jahr im Fachmagazin „The Lancet“ auch publizierte. Seine Studie umfasste 43 Kinder, die er unter anderem als aggressiv, impulsiv und disziplinlos beschrieb. Zur Verdeutlichung der Symptomatik wird vielfach der deutsche Kinderarzt  Dr. Heinrich Hoffmann bemüht, der wahrscheinlich als Vorlage für seine berühmte Zeichnung „Der Zappelphilipp“ (1844) das Bild „Die unterbrochene Mahlzeit“ (1838) seines Freundes Herrmann von Rustige benutzte. Eine epidemische Gehirnhautentzündung von 1917 bis 1918 in Nordamerika ließ bei den überlebenden Kindern ein Syndrom von Hyperaktivität und Impulsivität zurück; als dessen Ursache wurde „brain damage“ angenommen. Einen Hinweis auf die Richtigkeit dieser Annahme bieten heute so genannte „bildgebende Verfahren“, die bei ADHS- Kindern unter anderem verkleinerte Basalganglien (Nucleus caudatus, Thalamus, Globus pallidus und Putamen) ergaben. Diese Gehirnregionen stehen in Zusammenhang mit Bewegung und Lernen; der Thalamus fungiert als Filter für Sinnesreize. Dies alles sind Funktionen, die bei ADHS-Patienten als beeinträchtigt gelten.