ACTN3 – Gibt es ein "Läufer-Gen"?

Da trainiert ein Läufer über lange Zeit, sehr gewissenhaft und nach einem optimalen Trainingsplan – und wird womöglich von einem unerfahrenen Laufanfänger beim Wettkampf geschlagen. Nicht nur der Trainingsfleiß und das Know-how machen eben den Unterschied, sondern auch der individuelle Anteil von roten und weißen Muskelfasern. Die roten Muskelfasern („slow-twitch“) verfügen über viel Myoglobin, sind stark durchblutet und optimal mit Sauerstoff versorgt. Sie erzeugen zwar keine hohen Kräfte, ermüden aber langsamer, sind also wichtig für jede Form von Ausdauersport, also auch zum Beispiel für Marathonläufer. Die weißen Muskelfasern („fast-twitch“) dagegen sind weniger durchblutet, ermüden schneller, können aber höhere Kräfte erzeugen – was sowohl den Kraftsport begünstigt als auch schnelle Sprints, bei denen es wichtig ist, rasch auf Touren zu kommen. Der individuelle Anteil der Muskelfasern ist angeboren und kann durch Training nicht entscheidend verändert werden. Eine Variante im Gen ACTN3, der SNP (single nucleotide polymorphism) rs1815739, scheint dabei eine Rolle zu spielen. Das ACTN3-Gen ist ausschließlich in weißen Muskelfasern aktiv. Das Gen kann in seiner Funktion eingeschränkt sein, was sich im Kraftsport und bei Läufern, die schnell „Gas geben“ müssen, eher ungünstig auswirkt, dafür aber den Ausdauersport zu begünstigen scheint. Da wir immer zwei Allele eines Gens in unserem Erbgut haben, ist es möglich, dass nur eines oder beide nicht funktionsfähig sind. Studien haben gezeigt, dass 31 Prozent der Europäer zwei funktionsfähige Allele und 44 Prozent ein funktionsfähiges Allel besitzen – sie sind also mehr für Kraftsport talentiert. Bei 24 Prozent sind beide Allele dieses Gens funktionsunfähig. Diese Menschen scheinen mehr für eine Ausdauersportart veranlagt zu sein. Natürlich spielen noch viele andere Voraussetzungen eine Rolle für unsere sportliche Begabung. Schlechte Laufergebnisse allein mit einem bestimmten Gen erklären zu wollen, wäre in jedem Fall zu kurz gedacht.