Miller-Dieker-Syndrom: Ein kurzer Einblick

Helena Böhrer-Rabel
Typisches Kennzeichen des Miller-Dieker-Syndroms ist eine schwere Lissenzephalie, also Gyrierungsstörung. Es liegt eine Pachygyrie oder eine Agyrie vor. Teilweise ist bereits die Schwangerschaft durch ein Polyhydramnion gekennzeichnet. Zum Geburtszeitpunkt kann der Kopfumfang noch im Normbereich liegen.
Schnell entwickelt sich jedoch im ersten Lebensjahr eine Mikrozephalie. Meist liegt früh eine allgemeine  muskuläre Hypotonie vor, es bestehen häufig Fütterungsprobleme mit Tendenz zur Aspirationspneumonie. In der ersten Zeit nach der Geburt werden die Kinder in der Regel von ihren Eltern als nicht wesentlich auffällig empfunden.Es bestehen dysmorphe Stigmata, wie ein schmaler bitemporaler Durchmesser des Kopfes, eine hohe vorstehende Stirn und faziale Dysmorphien mit Epikanthus,  mongoloider  Lidachsenstellung  und kurzer  Nase mit nach oben gerichteten Nasenlöchern. Zusätzlich können  körperliche Fehlbildungen, wie beispielsweise Herzfehler, vorliegen.

Verlauf

Meist setzt im Alter von spätestens sechs Monaten eine nur schwierig zu behandelnde Epilepsie ein. In diesem Zeitraum kommt es häufig zu einer sehr deutlichen Entwicklungsverzögerung, wobei möglicherweise die Schwere der Entwicklungsverzögerung auch in Abhängigkeit von der Behandelbarkeit der Epilepsie stehen könnte. Die psychomotorische Entwicklung bleibt in der Regel rudimentär, häufig bleiben die Kinder im Stadium eines Säuglings stehen. Viele Kinder versterben innerhalb der ersten zwei Lebensjahre, häufig in  Folge von Aspirationspneumonien. Selten werden Personen mit einem Miller-Dieker-Syndrom erwachsen.

Hintergründe

Ursache des Miller-Diecker-Syndroms ist eine Mikrodeletion auf dem Chromosom 17 in der Region p13.3.  Im  Bereich dieser Deletion liegen mehrere Gene, wobei insbesondere das LIS1-Gen als verursachend für die Lissenzephalie gilt. Dieses Gen kodiert für ein Protein, das eine wichtige Rolle bei der neuronalen Migration im Gehirn spielt. Weitere Gene, die im Bereich dieser Deletion liegen, sind möglicherweise für zusätzliche  Auffälligkeiten, wie zum Beispiel Herzfehler und andere, verantwortlich.

Deletion als Ursache

In nahezu 80% der Fälle handelt es sich um eine  neu  entstandene  Deletion,  sodass  in  weiteren Schwangerschaften  lediglich  ein  sehr  niedriges Wiederholungsrisiko  im  Rahmen  eines  Keimzellmosaiks besteht. Bei ungefähr 20% der Betroffenen ist die Deletion ererbt. In diesem Fall trägt ein Elternteil meist eine balancierte Chromosomentranslokation.

Pränatal-Diagnositk

Den  Eltern  eines  betroffenen  Kindes  kann  eine vorgeburtliche Untersuchung bezüglich eines Miller-Dieker-Syndroms  mittels  Fruchtwasseruntersuchung oder Chorionzottenbiopsie (FISH, MLPA) angeboten werden.



Abb. 1: Fluoreszenz in situ Hybridisierung (FISH) mit Lokus-spezifischer Sonde für die Mikrodeletion 17p13.3 beim Miller-Dieker-Syndrom (grün: Kontrollsonde für Chromosom 17, rot: Sonde für die chromosomale Region 17p13.3)