Die Evolution der intellektuellen Fähigkeiten des Menschen

Prof. Dr. med. Horst Hameister

Vorteile des XX/XY-Chromosomensystems

Die  Einführung  des  XX/XY-Geschlechtschromosomensystems  hat  noch  einen  zweiten  Vorteil gegenüber  dem  vorher  bestehenden  ZW/ZZ-Geschlechtschromosomensystem der Vögel (Abb. 4). Eine  einmal  selektionierte,  besonders  günstige Genkombination  wird  im  X/Y-System  zwischen den Geschlechtern obligat ausgetauscht, d.h. diese Kombination begünstigt sowohl Mann als auch Frau. Im vorherigen Geschlechtschromosomensystem der Vögel hingegen erfolgt eine direkte Weitergabe nur im männlichen Geschlecht. Beim  Menschen  besitzen  jedoch  Frauen  potentiell  zwei  Kopien  der  wertvollen  Genanordnung, während  Männer  mit  nur  einer  Kopie  praktisch benachteiligt sind, da sich insbesondere Mutationen in diesen Genen als X-chromosomale Defekte sofort  nachteilig  bemerkbar  machen. 



Abbildung 5: IQ-Verteilung im männlichen und weiblichen Geschlecht

Tatsächlich ist es so, dass exakte IQ-Messungen für Mädchen und Jungen eine unterschiedliche IQ-Kurve ergeben. Der durchschnittliche IQ-Wert, so wie er heute bestimmt wird, liegt im weiblichen Geschlecht etwas höher als im männlichen Geschlecht, und die IQ-Kurve im weiblichen Geschlecht ist sehr viel symmetrischer (Abb. 5). Im männlichen Geschlecht erweisen sich diese durchschnittlichen IQ-Kurven als betont variabler. Das ist erwartungsgemäß besonders im unteren IQ-Bereich mit den häufiger durch geistige Behinderung betroffenen männlichen Patienten der Fall. Aber auch im höheren IQ-Bereich von >135 übertrifft die Häufigkeit im männlichen Geschlecht die im weiblichen Geschlecht (Abb. 5). Eine mögliche Interpretation dieser Daten ist, dass eine bestimmte und besonders günstige Genanordnung zwar besonders gut funktioniert, dafür allerdings sehr selten ist, sodass rein statistisch gesehen gleich zwei Kopien dieser Genanordnung zu erben, wie es im weiblichen Geschlecht notwendig wäre, noch unwahrscheinlicher wird.
Es soll hier nicht verschwiegen werden, dass die-se IQ-Verteilung in der heutigen Diskussion politisch äußerst brisant ist. Als vor etwa 10 Jahren der damalige Präsident der berühmten Harvard Universität, Larry Summers, gefragt wurde, warum immer noch so viele Männer auf hohe Positionen in Harvard berufen werden, gab er als Beweis dafür diese IQ-Verteilung an und musste anschließend seine Position als Harvard-Präsident aufgeben – was ihn allerdings nicht daran hinderte, da-nach eine politische Karriere anzutreten. Hinzugefügt werden sollte an dieser Stelle auch, dass es immer wieder Versuche gibt, durch genetische Untersuchungen herauszufinden, welche genetischen Varianten für hohe Intelligenz verantwortlich sind. Eine kürzlich vorgenommene Untersuchung zeigte, dass eine solche Genvariante tatsächlich existiert. Der Besitz dieser Genvariante verleiht dem Träger durchschnittlich etwa 1,3 Punkte mehr auf der IQ-Skala, was allerdings bei einer Einzelperson nicht messbar ist. Verantwortlich für wirklich überragende Intelligenz ist also wahrscheinlich eine Kombination vieler Gene und nicht ein einzelnes Gen. Andererseits kann durch Mutation und damit Fehlfunktion eines einzelnen Gens sehr wohl eine geistige Behinderung verursacht werden, wie es durch die vielen Gene vor allem auf dem X-Chromosom belegt ist, deren Mutationen sich nachteilig auswirken.